Wahrnehmen lernen · Was du lernst
Was im Workshop geübt wird
Ein Durchgang mit fünf Schritten: eine Frage, aufschreiben, zwei Minuten bei dir, hinterfragen, neu fragen. Dazu ein Beispiel, wie aus einer Ja-Nein-Frage eine genaue Antwort wird, und was am zweiten Tag dazukommt.
Wahrnehmen lernen · im Workshop
Die Übung bleibt immer gleich: eine Frage, aufschreiben, bei dir sein, hinterfragen, neu fragen.
Richtig oder falsch gibt es dabei nicht. Es geht ums Machen und um die Frage, wie sich deine Sicht von Durchgang zu Durchgang verändert.
Der Durchgang, immer gleich
Du sitzt einem anderen Menschen gegenüber. Ihr übt zu zweit, und der Ablauf wiederholt sich mehrmals.
Zuerst stellst du eine einzige Frage auf dein Gegenüber. Was du wahrnimmst, schreibst du auf, und zwar beim Gegenüber, nicht bei dir. Dann bist du zwei Minuten bei dir, ohne über das Wahrgenommene nachzudenken. Danach schaust du an, was du aufgeschrieben hast, und hinterfragst es.
Der fünfte Schritt macht die Übung aus. Du prüfst nicht, ob das Alte noch stimmt. Du nimmst ein neues Blatt und stellst die Frage noch einmal.
Ricos Wortlaut
Das heisst, nicht zu überprüfen, ob das, was ihr gesehen habt, immer noch dasselbe ist, sondern euch die Frage neu zu stellen.
Rico Brunner, Workshop
So siehst du, ob sich deine Sicht verändert hat, gleich geblieben ist oder etwas dazugekommen ist. Diese Technik habe ich nicht für den Workshop erfunden. Sie hat sich bei mir selbst ergeben, als ich merkte, dass ich mit blossem Wahrnehmen nicht weiterkam. Seither frage ich immer wieder von vorn: Woran habe ich nicht gedacht?
Die Frage, die wir üben
Ricos Wortlaut
Die Frage ist: Wie glücklich ist jemand? Oder wo ist der unglücklich? Und dann noch zu versuchen, wenn es reicht, herauszufinden: Ist er für sein Glück selber verantwortlich oder nicht? Beschränkt euch auf diese Fragen.
Rico Brunner, Workshop
Dahinter steht die erste Abzweigung jeder Analyse: selbst verursacht oder von aussen? Ist jemand glücklich, weil er gelernt hat, glücklich zu sein, oder weil er gerade verliebt ist? Mehr dazu unter Unterscheiden lernen.
Es geht dabei nicht darum, tief in das hineinzugehen, was bei jemandem schwierig ist. Du bleibst bei der Frage. Das ist gar nicht so einfach. Gefragt ist auch nicht deine vernünftige Überlegung, sondern dein Bauchgefühl. Kommt eine Antwort, die du dir zurechtgelegt hast, sage ich im Workshop oft: Das ist eine rationale Antwort. Die Frage ist emotional.
Wie aus einer Ja-Nein-Frage eine genaue Antwort wird
Einmal habe ich das an einer Teilnehmerin vorgeführt. Eine zweite Teilnehmerin antwortete aus ihrer Wahrnehmung. Die Frage war einfach: Tut es ihr gut, heute Abend joggen zu gehen?
Zuerst verfeinern wir die Dauer, Stufe für Stufe. Dann die Art: intensiv oder leicht? Dann kommt die Frage, die du am leichtesten auslässt: Kann sie sich an dreissig Minuten halten, oder macht sie dann doch mehr? Eine Dauer, die passt, nützt wenig, wenn die Person sie nicht einhält.
Ricos Wortlaut
Und das ist: Tut ihr sie gut? Ja, nein? Okay, wenn nein, warum nicht? Was kann sie tun Dass es trotzdem gut tut.
Rico Brunner, Workshop
Am Ende stand keine Ja-Nein-Antwort mehr. Die Antwort lautete: ja, aber nur ein leichtes Joggen, eines, das sie nicht überfordert. Wichtig ist mir dabei: Wir sagen dem Gegenüber nicht, was es zu tun hat. Es ist eine Übung darin, Fragen zu stellen und sie zu verfeinern.
Warum du aufschreibst
Was du dir merken willst, belegt Platz im Kopf. Dann bleibt weniger für die Wahrnehmung. Darum schreibst du auf, was du siehst. Das entlastet dich, und du kommst schneller weiter. Ich mache es selbst so: In jeder Sitzung zeichne ich ein einfaches Strichmännchen und notiere daran, was ich sehe.
Was am zweiten Tag dazukommt
Am zweiten Tag gehen wir ein Energiefeld so durch, wie ich es in jeder Sitzung tue: von oben nach unten. Zuerst ein Blick auf das Ganze. Dann der Kopf, das Herz, der Bauch, die Knie und zuletzt die Füsse, wo das Fundament sichtbar ist.
Dazu kommen drei Fragen an das Gegenüber. Wo gibt es Bereiche, die gerissen oder blockiert sind? Wie belastbar ist das Feld, auf einer Stufe von 1 bis 10? Und wie reagiert es auf Veränderung? Diesmal behältst du nicht für dich, was du wahrnimmst. Die anderen sagen dem Gegenüber, was sie gesehen haben, und holen seine Rückmeldung ein. Mehr dazu unter Wann du sagst, was du wahrnimmst.
Ein Schema hilft beim Ordnen. Zu streng darf es nicht werden. Wer jeden Menschen genau gleich durchgeht, bekommt falsche Ergebnisse, weil jeder Mensch anders ist.
Wenn beim Üben nichts kommt
Dann ist das in Ordnung. Setz dich nicht unter Druck, streng dich nicht an. Zwei Dinge helfen oft. Wenn die Wahrnehmung da ist, aber unscharf, nimm eine Stufe von 1 bis 10: 1 heisst kaum vorhanden, 10 heisst sehr stark. Und wenn du versuchst, etwas zu sehen oder vernünftig herzuleiten, schliess die Augen und achte darauf, wie es sich anfühlt. Mehr unter Wenn du nichts wahrnimmst.
Im Nachhinein prüfen
Geprüft wird nicht während der Übung, sondern danach. Auch das üben wir in den zwei Tagen.
Ricos Wortlaut
dass man nach der Wahrnehmungsanalyse im Nachhinein überlegt: Hat das gestimmt oder nicht? Und wenn es nicht stimmte, nicht zu sagen: Dann bin ich schlecht, sondern sich zu fragen: «Warum? Und so findet eigentlich ein Lernprozess statt.
Rico Brunner, Workshop
Mich hat bei meinen eigenen Fehlern nie in erster Linie interessiert, wie es richtig gewesen wäre. Mich hat interessiert, warum ich falsch gedeutet hatte.
Für jede Lage dieselbe Übung
Die Übung ist für alle gleich, ob du gerade eine schwere Zeit hast, halten willst, was du gefunden hast, oder deine Wahrnehmung weiterentwickeln möchtest. Wer zum zweiten oder dritten Mal kommt, macht dieselben Durchgänge und versteht sie jedes Mal anders. Die Grundübung zwischen den Durchgängen steht unter Bei dir selber sein.
Fragen, die oft kommen
- Was ist, wenn meine Antwort falsch ist?
- Dann hast du trotzdem geübt. Mehr verlangt die Übung nicht. Im Nachhinein fragst du, warum es nicht gestimmt hat, und lernst daraus.
- Warum nur eine Frage?
- Damit du siehst, wie sich deine Sicht auf diese eine Frage von Durchgang zu Durchgang verändert. Im Workshop sage ich dazu: Beschränkt euch auf diese Frage.
- Warum soll ich nicht prüfen, ob das Erste noch stimmt?
- Weil du dann bestätigst, statt neu zu schauen. Wer die Frage neu stellt, findet eher, was er beim ersten Mal übersehen hat.
- Sage ich meinem Gegenüber, was ich wahrgenommen habe?
- Am ersten Tag nicht. Am zweiten Tag zu drei Fragen schon, mit Rückmeldung. Mehr unter Wann du sagst, was du wahrnimmst.
- Brauche ich ein besonderes Blatt oder eine Vorlage?
- Nein. Ein leeres Blatt reicht. Am zweiten Tag bekommst du ein Blatt mit dem Ablauf von oben nach unten.
Was die Übungen am häufigsten stört, steht unter Warum auch gute Wahrnehmung sich irren kann.