Wahrnehmen lernen · Was du lernst

Warum auch gute Wahrnehmung sich irren kann

Wer viel wahrnimmt, hat schnell eine Geschichte. Vier Dinge verzerren eine Wahrnehmung besonders oft: zu früh deuten, Vorwissen, Wünsche und fertige Sätze. Was du dagegen tun kannst.

Wahrnehmen lernen · Stolpersteine

Wer viel wahrnimmt, hat nach wenigen Minuten genug für eine Geschichte. Schwierig ist, zu merken, wann genug geschaut ist.

Eine gute Wahrnehmung schützt nicht davor, falsch zu deuten. Darum gehören das Prüfen und das Ehrlichsein zum Wahrnehmen dazu.

10 Minutenso früh glauben viele, das Ende schon zu kennen
3 Phasenbeobachten, hinterfragen, überprüfen
mit etwa 16fiel mir auf, dass ich anders wahrnehme
mit 23, 24wurde meine Wahrnehmung stabiler

Der Film, dessen Ende du zu kennen glaubst

Ricos Wortlaut

Es ist für mich wie vergleichbar, wie mit einem Film, den man schaut. Wo man immer zu früh sagt, nach zehn Minuten: «Ja, ich weiss, wie er ausgeht.» Nach einer halben Stunde: «Ich weiss, wie er ausgeht.» Nach einer Stunde: «Ich weiss, wie er ausgeht.» Und am Ende vom Film: «Das Ende war jetzt aber unerwartet.»

Rico Brunner
nach 10 Minutennach einer halben Stundenach einer Stundeam Ende «Ich weiss, wieer ausgeht.» «Ich weiss, wieer ausgeht.» «Ich weiss, wieer ausgeht.» «Das Ende warunerwartet.»
Dreimal sicher, einmal überrascht. So geht es auch beim Wahrnehmen, wenn die Deutung vor dem Ende der Beobachtung kommt. Schematisch.

Warum es gerade die trifft, die viel wahrnehmen

Du würdest vielleicht erwarten, dass vor allem Anfänger zu früh deuten. Ich erlebe aber oft, dass es auch Menschen mit einer guten Wahrnehmung tut. Wer viel sieht, hat schnell genug Stoff für eine Erklärung. Die Erklärung fühlt sich dann an wie ein Ergebnis, obwohl die Beobachtung noch gar nicht fertig ist.

Ich kenne das von mir selbst. Mit etwa sechzehn ist mir aufgefallen, dass ich anders wahrnehme als viele andere.

Ricos Wortlaut

Natürlich, wenn man so jung ist, dann neigt man dazu, zu schnell zu interpretieren, Dinge falsch anzuschauen. Das hat seine Zeit gebraucht, bis ich eine stabile Wahrnehmung entwickeln konnte.

Rico Brunner

Ein Grundsatz hilft dabei: Vom Verhalten eines Menschen kannst du nicht direkt darauf schliessen, wie es in seinem Energiefeld aussieht. Dasselbe Verhalten kann ganz verschiedene Gründe haben.

Woran du merkst, dass genug geschaut ist

Darauf gibt es keine einfache Regel, auch von mir nicht. Ich kann dir sagen, dass du es erkennen lernen musst und dass es bei mir Zeit gebraucht hat. Was hilft, ist eine feste Reihenfolge.

Beobachtenso, dass du nichts veränderst Hinterfragendie Beobachtung und die Schlüsse Überprüfenstimmt, was ich erkannt habe? unsicher? einen Schritt zurück in die Übersicht
Erst beobachten, dann deuten, dann prüfen. Bei Unsicherheit geht es nicht eine Frage zurück, sondern zurück ins Beobachten. Schematisch.

Bin ich unsicher, ob meine Intuition stimmt, gehe ich einen Schritt zurück. Ich verschaffe mir noch einmal eine Übersicht und schaue, ob ich wirklich alles beobachtet habe. Erst danach deute ich wieder. Und am Schluss gehe ich alles noch einmal von Anfang bis Ende durch und frage mich bewusst: Was habe ich vergessen? Oft kommt dann eine neue Sicht dazu.

Wenn dein Wissen die Lücken füllt

Am Waldrand steht eine grosse dunkle Gestalt. Dein Kopf sagt sofort: ein Bär, weg hier. Hast du dich getäuscht, ist das nicht schlimm. Wer erst hingeht, um nachzuschauen, lebt gefährlich. Diese schnelle Ergänzung ist überlebenswichtig.

Beim Wahrnehmen stört sie. Was du schon weisst, füllt die Lücken, bevor du hingeschaut hast. Dann siehst du nicht mehr nur das Energiefeld, sondern eine Mischung aus dem Feld und einer Lehre, die es erklären soll. Und du beginnst, das Gesehene so hinzubiegen, dass es zur Lehre passt. Für mich war es eine der grössten Herausforderungen, mein eigenes Wissen beim Beobachten abzuschalten. Wer viel gelesen und gelernt hat und es mit seiner Intuition vermischt, schwächt sie, weil das Wissen sie überlagert.

Sehen, was ist, nicht was du dir wünschst

Die dritte Falle ist der eigene Wunsch. Ehrlichkeit ist für mich darum keine Tugend am Rand. Ohne sie hätte ich diese Arbeit nicht entwickeln können.

Ricos Wortlaut

Aber die Energie-Feldarbeit konnte ich nur entwickeln, indem das ich mich auf meine Werte konzentriert habe, in dem, dass ich mir Mühe gegeben habe, in dem, dass ich mit einer absoluten Ehrlichkeit an die Energiefelder herantrete, damit ich das sehe, was ist und nicht, was ich mir wünsche.

Rico Brunner

Wer beschönigt, sieht weniger. Wie der Wunsch sich als Bauchgefühl tarnt, steht unter Was Intuition ist.

Fertige Sätze statt Unterscheidung

Manche haben für alles einen Satz bereit. Ein Beispiel: Jeder, der unglücklich ist, ist selber schuld. Ein solcher Satz mag im Einzelfall stimmen. Das Problem ist, dass er ohne Prüfung ausgegeben wird. Er ersetzt die Unsicherheit, statt sie auszuhalten.

Ein fertiger Satz

  • passt scheinbar auf jeden
  • kommt ohne Frage aus
  • nimmt die Unsicherheit weg, bevor geschaut ist

Eine Unterscheidung

  • gilt für diesen einen Menschen
  • entsteht aus Fragen, eine nach der anderen
  • hält die Unsicherheit aus, bis etwas klar ist

Dasselbe gilt für ganze Lehren und Philosophien. Eine Philosophie ist eine Annahme. Sie kann funktionieren oder auch nicht. Ob sie bei dem Menschen vor dir zutrifft, zeigt erst das Hinschauen. Mehr über Befund und Annahme steht unter Unterscheiden lernen.

Vorsicht bei Ratschlägen, die du selbst befolgen würdest

Ricos Wortlaut

Und darum, wenn ihr Menschen einen Ratschlag gebt, den ihr selber befolgen würdet, seid vorsichtig und hinterfragt diesen Ratschlag noch einmal.

Rico Brunner, Workshop

Die Frage, die du dir dann stellst, lautet nicht «Stimmt das?», sondern «Kommt das aus mir oder aus ihm?». Was für dich passt, kann für den anderen falsch sein. Mehr dazu unter Wann du sagst, was du wahrnimmst.

Wenn du dich geirrt hast

Irren gehört zum Lernen. Wenn ich früher etwas falsch gedeutet habe, wollte ich nicht in erster Linie wissen, wie es richtig gewesen wäre. Ich wollte verstehen, warum die falsche Deutung entstanden ist. Habe ich zu früh gedeutet? Habe ich etwas übersehen? Habe ich gesehen, was ich sehen wollte? Mit diesen Fragen lernst du mehr als mit dem Satz «Ich bin schlecht darin».

Wo auch immer du gerade stehst

In einer schweren Zeit ist die schnelle Deutung besonders verlockend, weil sie Halt verspricht. Wer halten will, was er gefunden hat, kennt eher die fertigen Sätze, die sich bewährt haben. Und wer sich weiterentwickeln will, stolpert leicht über das eigene Wissen. Bei einem Menschen kann alles davon zugleich vorkommen, je nachdem, ob es um die Familie, eine Beziehung oder den Beruf geht.

Fragen, die oft kommen

Woran erkenne ich, dass meine Beobachtung abgeschlossen ist?
Eine einfache Regel gibt es nicht. Hilfreich sind die feste Reihenfolge aus Beobachten, Hinterfragen und Überprüfen und die Frage am Schluss: Was habe ich vergessen? Im Workshop stellst du die Frage dafür jedes Mal neu. Mehr unter Was im Workshop geübt wird.
Heisst das, ich soll meiner ersten Eingebung misstrauen?
Nein. Du sollst sie prüfen, bevor du darauf baust. Gerade das macht es möglich, ihr zu folgen.
Ist eine Philosophie oder Lehre dann falsch?
Nicht unbedingt. Sie ist eine Annahme, die funktionieren kann oder auch nicht. Ob sie bei einem bestimmten Menschen zutrifft, zeigt erst das Hinschauen.
Was mache ich, wenn ich gemerkt habe, dass ich falsch lag?
Frag, warum. Zu früh gedeutet, etwas übersehen oder etwas gewünscht? Die Antwort darauf bringt dich weiter.

Wann und wie viel du von dem sagst, was du wahrnimmst, steht unter Wann du sagst, was du wahrnimmst.

Kennung zu-frueh-gedeutet · Version 1.0 · 23.10.2026